Was es bedeutet, einen Kongress zu kuratieren

11.08.2025 | Florian Städtler

Das Wort „kuratieren“ stammt vom lateinischen „curare“, was „pflegen“ oder „sorgen“ bedeutet. Im engeren Sinne und im Ergebnis bedeutet „kuratieren“, Arbeiten, Werke, Geschichten, also Ideen, öffentlich zu präsentieren. Im Kulturbereich sind das künstlerische Ideen. In der Welt der Wirtschaft sind es unternehmerische und Unternehmens-Ideen.

 

Welche Aufgaben hat er also, so ein Kurator eines Kongresses für den regionalen Mittelstands?

 

Im Zentrum steht ein großer Ideenspeicher. Ich verwende für solche Orte gerne den Begriff der „Schatzkammer“. Dort werden fortlaufend Themen, Formate, Impulsgeber und Impulsgeberinnen, Netzwerk- und Wissenspartner abgelegt und eingeordnet. Diese Daten und Notizen bilden die Grundlage für alle Aktivitäten am Kongresstag und den 364 Tagen bis zum Folge-Kongress. Ein ganzes Jahr lang haben wir nämlich jedes Jahr die Chance, solche Ideen mit den Teilnehmenden und Partnern, den Medien und der interessierten Öffentlichkeit zu teilen.

Das Programm des Kongresses und weiterer Veranstaltungen ist das Herzstück unseres Projekts „FMK“. Es ist eine pflegsam und sorgfältig zusammengestellte Werkschau aus den wertvollsten Stücken der wachsenden Sammlung.

Als Kuratierender muss ich dazu genau verstehen, was für die teilnehmenden Gruppen relevant ist. Ich habe darauf zu achten, dass die Menschen auf der Bühne gut orientiert sind. Dass sie verstanden haben, was für die Besucher interessant und von konkretem Nutzen ist. Und schließlich kommt es darauf an, die richtigen Inhalte auch richtig zu verpacken. Formate sind das Medium, durch das Speaker und Vermittler gleichermaßen klar und verständlich, dazu aber auch unterhaltsam und fesselnd ihre Wirkung entfalten.

Als wir die unternehmerische und inhaltliche Verantwortung für den Freiburger Mittelstandskongress zum Jahreswechsel 2024/25 übernommen haben, gab es ein übergeordnetes Ziel: Wir wollen ein Maximum an Qualität in Sachen Programme anstreben. Das wiederum bedeutet, dass wir täglich Entscheidungen wie diese treffen müssen:

 

Was sind die Themen, die Führungskräften aktuell unter den Nägeln brennen?

Wer ist geeignet, komplexe Fragestellungen gut verständlich zu erklären?

Welchen Typus Impulsgeber wollen wir eher oder gar nicht präsentieren?

 

Das sind offensichtlich keine trivialen Fragen. Für die Antworten auf die meisten Fragen des Kuratierens sind simple Kausalitäten in Form von „Wenn-dann“-Zusammenhängen wenig zielführend. Also haben wir zu Beginn intensiv nachgedacht, um in der Folge einen systematischen, kollaborativen Prozess zur Weiterentwicklung des Kongresses in Gang zu setzen.

Im Laufe der folgenden, mehrmonatigen „Innovationsreise“, auf die wir uns mit drei Dutzend freiwilligen Ideengebern und Mitstreiterinnen von Dezember 2024 bis März 2025 begeben haben, hat sich eine ganz spezielle, organisationale Schatzkammer gebildet.

Dort haben wir die Ergebnisse in Form von Prinzipien der Kuration gespeichert. Diese Leitsätze helfen uns bei der Entwicklung des „Gesamtkunstwerks“ Freiburger Mittelstandskongress. Hier einige Beispiele für solche Prinzipien:

 

Einen Platz im Programm kann man sich nicht kaufen.

Das ist so. Wir wollen keine Verkäufer-Shows auf der Bühne. Keine Berater, die mit Tschakka die neueste Management-Mode verbreiten. Und keine Sponsoren-Vertreter, die sich oder ihr Unternehmen promoten.

Das Programm ist ein Schutzraum. Für Substanz. Für echte Praxisprobleme. Für das, was den teilnehmenden Führungskräften weiterhilft. Was nicht bedeutet, dass unter gewissen Voraussetzungen auch Vertreter von Sponsoring- und Netzwerk-Partnern einen Spot im Programm bekommen können. Dann aber sorgsam und pfleglich kuratiert.

 

Ein Kongresstag hat seine Grenzen.

Wenn man als Teilnehmer früh dran ist (um 8 öffnen die Konzerthaus-Türen) und lange bleibt (das Get-together in der Theaterbar startet gegen 17:30 Uhr, Ende offen), dann ist das ein richtig langer Tag. Das liegt unter anderem daran, dass wir viele, lange Pausen eingebaut haben.

Für manche sind die Pausen das Beste, andere wollen einfach maximal viel Input und freuen sich, wenn sie die Parallelvorträge auch noch als Aufzeichnung bekommen. Wieder andere wünschen sich mehr Interaktivität, Diskussion und Debatte, manche Teilnehmerinnen und Teilnehmer fragen nach Trainings und praktischer Anwendung.

An der Aufzählung wird klar: Das ist unmöglich in einem Tag unterzubringen. Weshalb ein Prinzip lautet: Wir wollen das Angebot an Formaten und Interaktionen vergrößern. Das wiederum heißt, dass unser Projekt über den Kongresstag hinauswachsen wird. Zum Beispiel in Form von zielgruppengerechten und inhaltlich spezifischen Veranstaltungen im Laufe des Jahres. Alle Neuerungen werden über den FMK-Newsletter kommuniziert – am besten gleich hier anmelden.

 

Führungskräfte wollen sich mit echten Problemen beschäftigen.

Das Prinzip heißt Substanz. Mittelständler wollen kein Tschakka, keine Sprüche, kein Blingbling. Stattdessen wollen sie sich auf die wirklich wichtigen Aufgaben und Probleme konzentrieren.

Die Aufgabe des Kurators ist also auch eine dialogische: Ständig suche ich und suchen wir das Gespräch mit den Profis aus der Praxis, lesen wir die regionale und nationale Fachpresse und sammeln Informationen zu den Themen, die den Mittelstand beschäftigen.

 

Kooperation ist die Voraussetzung für ein funktionierendes Ökosystem

Wir haben genau im Blick, für wen wir unsere Arbeit machen: Das sind KMU bis 250 Mitarbeitende, außerdem die großen, mittelständisch geprägten Unternehmen und es sind die unternehmensnahmen Dienstleister.

Diese Gruppen haben naturgemäß verschiedene Interessen, aber sie haben eins gemeinsam: Sie leben im selben wirtschaftlichen Ökosystem unserer Region. Nicht alle brauchen alles, was wir mit dem Mittelstandskongress anbieten. Aber alle brauchen einander, um im globalen Wettbewerb und auf regionalen Märkten erfolgreich zu sein.

Das Prinzip Kooperation ist für uns bei der Entwicklung des von uns kuratierten Marktplatzes handlungsleitend. Und wir erwarten von allen unseren Teilnehmenden, Netzwerk-Partnern und Sponsoren, dass sie diesem Prinzip folgen. Hart aber fair im Wettbewerb, kooperativ und ohne Scheuklappen im Netzwerk.

 

Intelligent Matching

Das Prinzip Passung steht für die aus unserer Sicht zentrale Wertschöpfung, die wir als Kongress-Veranstalter und Community-Baumeister erbringen: Wir bauen eine Plattform für ein wirkungsvolles Vernetzen im Rahmen des oben beschriebenen Ökosystems.

Wir starten dazu noch 2025 eine KI-Anwendung mit den innovationsfreudigsten Unternehmen und Macher:innen der Region und wollen bis zum Kongress 2026 eine funktionierende Matchmaking-Plattform bauen, die die richtigen Menschen, aber auch die zum individuellen Problem passende Lösung, die gute Antwort auf eine drängende Frage und weitere Netzwerk-Funktionen liefern wird.

 

Promis setzen falsche Reize

Viele Kongress-Veranstalter setzen auf große Namen. Die Devise lautet: „Promis machen die Hütte voll.“ Das ist durchaus ein Argument, wenn man hauptsächlich will, dass eine große Zahl von beliebigen Gästen am Kongresstag dabei ist.

Unsere Gegenthese lautet: Promis setzen falsche Reize. Und locken oft ein Publikum an, das wir gar nicht haben wollen. Insbesondere nämlich dann, wenn viele Freikarten im Umlauf sind, kommen die Menschen eben nicht, weil sie sich als Macher der mittelständischen Wirtschaft relevantes Wissen und fruchtbares Netzwerken versprechen.

Es sind unter den Gästen dann viele, die nur „schnell den Joschka Fischer“ oder „mal eben den Precht“ sehen, und dabei noch etwas am Buffet abstauben wollen. Hier sei deutlich gesagt: Diese Besucher sind nicht unsere Priorität. Und deswegen bringen wir Substanz statt große Namen auf die Bühnen des Kongresses.

 

Local Heroes und starke überregionale Gäste

Kürzlich kam unsere Projektleiterin Kira Martin auf mich zu und meinte, ob für den Kongress 2025 tatsächlich so wenig Reise- und Hotelkosten anfielen. Sie hatte Recht, die Summe war deutlich geringer als in den Vorjahren. Das lag daran, dass wir diesmal besonders wenige hauptberufliche „Keynote Speaker“ aus der Ferne, dafür aber mehr Unternehmensvertreter und Unternehmer im Programm haben.

Diejenigen, die aus anderen Gegenden im deutschsprachigen Raum kommen, sind in den meisten Fällen auch mittelständische Unternehmensvertreter. Die glänzen selten durch große Namen oder unpassende Gagen. Dafür bringen sie echte Geschichten aus der Unternehmenspraxis, zu existenziellen Themen wie Finanzierung, anstrengenden Veränderungsprozessen, Sicherheitsfragen oder Unternehmensnachfolge.

Unsere Wette lautet: Die Entscheiderinnen und Entscheider aus der Region werden dieses Angebot aus Substanz, Authentizität und „No-Bullshit“ zu schätzen wissen.

 

Die besten Ideenvermittler machen den Unterschied

Wie oft scheitern gute Inhalte an den falschen oder den nicht gut umgesetzten Formaten? Allzu oft, so erlebe ich das, wenn ich auf anderen Konferenzen unterwegs bin.

Formate, also die passende Verpackung für den relevanten Inhalt, sind ein wichtiges Gestaltungselement. Ein weiteres zentrales Thema ist die Rolle der Vermittlerinnen und Vermittler im Rahmen des Live-Geschehens.

Unser Ziel: Eine optimal kuratierte und vorbereitete Moderation, sowohl in der übergeordneten Gastgeberfunktion als auch mit Verstärkung von fachkundigen und erfahrenen Gastgeberinnen und Gastgebern für gelungene Gespräche.

 

Je besser die Gäste, desto besser die Party

Oben haben wir das Thema schon gestreift: Insbesondere beim Kongress 2024 fiel auf, dass die Stimmung vor Ort hervorragend, die Gäste gut gelaunt und die Umfrage-Ergebnisse nach dem Kongress überdurchschnittlich positiv waren.

In der kritischen Nachbetrachtung muss man aber sagen: Wenn ein Großteil der Gäste auf Einladung der Sponsoren kam und wir zwar viele aber aus unserer Sicht noch nicht genug wirkliche Top-Führungskräfte unter den Teilnehmenden hatten, dann muss die Frage erlaubt sein: Haben wir zwar begeisterte, aber nicht wirklich die „richtigen“ Gäste?

Um das greif- und messbar zu machen, evaluieren wir seit 2024 jeden Teilnehmenden individuell. So wollen wir herausfinden, ob wir mit unseren Prinzipien und „Wetten“ auf Innovation richtig liegen und ob Veränderungen den gewünschten Effekt auf Zuschauer-Struktur und -Zufriedenheit haben.

 

 

Von denen, die bis zu dieser Stelle eines ziemlich langen Artikels drangeblieben sind, würden wir gern erfahren: Welches der Prinzipien spricht Sie besonders an? Wo gibt es Zweifel? Und was haben wir in unseren Überlegungen bisher übersehen?

Wir freuen uns auf den kontinuierlichen Austausch. Denn das Prinzip der „Innovationsreise“, mit dem wir unterstützt von vielen Mitstreiterinnen und Mitstreitern von Dezember 2024 bis März 2025 das „Konzept 2.0“ für die Kongress-Ausgaben 2025 und 2026 erarbeitet haben, das soll nicht nur für diese erste Etappe der Entwicklung gelten.

Das kontinuierliche Verändern und Verbessern, zusammen mit einer kooperativen Grundhaltung und der Idee des „Intelligent Matching“ sind das Fundament für die Plattform und die Community, die aus dem Kongresstag heraus erwachsen soll.

Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit!