Dr. Heike Hundertmark vom Verband der Unternehmerinnen in Deutschland (VdU) im Reality Check
22.09.2025 | Michelle GänsweinDer Freiburger Mittelstandskongress 2025 steht unter dem Motto „Reality Check – Wo der Mittelstand der Wahrheit ins Auge blickt“. Zwischen Dauerkrisenmodus und Transformationsdruck zeigt sich im Mittelstand, wie groß die Spannungen geworden sind.
Eine, die diese Widersprüche klar benennt, ist Dr. Heike Hundertmark, Unternehmerin, Gesellschafterin und Mitglied im Verband deutscher Unternehmerinnen (VdU). Der VdU vertritt rund 1.800 Unternehmerinnen und macht deutlich: Zukunftsfähigkeit braucht auch neue Perspektiven in Führung und Unternehmenskultur.
Im Vorfeld des Kongresses spricht Michelle Gänswein vom FMK mit Dr. Hundertmark über die unbequemen Wahrheiten, denen sich der Mittelstand stellen muss – vom Innovations-Image und der Erschöpfung im Dauerkrisenmodus bis hin zur Frage, wie Frauen in Führungspositionen die so genannte gläserne Decke durchbrechen können.
Frau Dr. Hundertmark, wenn Sie in Ihrer Rolle beim VdU und als Unternehmerin den südbadischen Mittelstand betrachten, was ist aktuell die relevanteste Wahrheit, der die Unternehmer:innen und Führungskräfte ins Auge blicken müssen?
Dr. Heike Hundertmark:
Der Mittelstand ist das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Ich würde sogar sagen: Wenn es dem Mittelstand nicht gut geht, leidet Deutschland – und andersherum.
Was wir aktuell sehr deutlich spüren, sind zum einen die geopolitischen Unsicherheiten und die daraus resultierenden Engpässe und Veränderungen in Lieferketten und Absatzmärkten. Zum anderen fehlen verlässliche Rahmenbedingungen, insbesondere für Investitionen in die notwendige Transformation.
Viele Mittelständler, gerade Familienunternehmen oder Stiftungen, sind bereit, langfristig zu investieren. Aber das gelingt nur, wenn auch langfristige Planungssicherheit gewährleistet wird. Hinzu kommt eine überbordende Bürokratie, die durch die mangelnde Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung zu erheblichen Engpässen und zeitlichen Verzögerungen führt.
Aus meiner Sicht besteht dringender Handlungsbedarf. Wenn wir den Anschluss an neue Märkte und an den technischen Fortschritt nicht völlig verpassen wollen, müssen wir die Rahmenbedingungen für den Mittelstand spürbar verbessern.
Freiburg und die Region präsentiert sich gerne als innovativ, nachhaltig und zukunftsgewandt. Wie viel Substanz steckt aus Ihrer Sicht wirklich hinter diesem Außenbild?
Dr. Heike Hundertmark:
Ich komme ursprünglich aus dem Ruhrgebiet und dagegen ist Freiburg tatsächlich sehr nachhaltig unterwegs. Und es zeigt sich, dass Nachhaltigkeit hier nicht nur ein Image ist, sondern mit konkreten Initiativen unterlegt wird.
Im VdU arbeiten wir eng mit anderen Verbänden zusammen, denn uns Unternehmerinnen ist bewusst, wie wertvoll Netzwerke für den nachhaltigen Wandel sind. In der Region gibt es mit dem Green City Cluster, den Klimapartnerschaften Oberrhein oder dem Zukunft.Raum.Schwarzwald wichtige Plattformen, die Unternehmen, Wissenschaft und Gesellschaft miteinander verbinden.
Viele UnternehmerInnen berichten von einer gewissen Erschöpfung im Dauerkrisenmodus: Inflation, Fachkräftemangel, Digitalisierung, Bürokratie. Was raten Sie UnternehmerInnen, um angesichts dieser Lage handlungsfähig zu bleiben?
Dr. Heike Hundertmark:
Ich bin der festen Überzeugung: Es ist immer besser, den ersten Schritt in Richtung Veränderung zu gehen, als in der operativen Schockstarre zu verharren. Vielen Unternehmerinnen und Unternehmern ist bewusst, dass Handlungsbedarf besteht. Im Alltag fehlt jedoch oft die Zeit, weil ständig Brände gelöscht werden müssen.
Gerade deshalb ist es wichtig, sich strategische Zeitinseln zu schaffen, am besten mit einem kleinen Kernteam, und eine Bestandsaufnahme zu machen: Wo laufen Dinge systematisch schief im Unternehmen oder in der Lieferkette? Solche Reflexionen können in Workshops oder im Netzwerk stattfinden. Daraus entstehen erste Schritte in eine neue Richtung, ohne dass gleich das Kerngeschäft oder der Kundenkontakt als Herzstück leiden muss.
Besonders wichtig sind aus meiner Sicht Abläufe, die Nachhaltigkeit und Digitalisierung betreffen – und natürlich der gezielte Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Alles ist besser als Stillstand. Und: Denken ist und bleibt die Kernaufgabe von uns Unternehmerinnen und Unternehmern.
Der VdU vertritt Unternehmerinnen in ganz Deutschland und Sie selbst leben und arbeiten in Freiburg. Sehen Sie regionale Unterschiede in den Herausforderungen und Stärken des Mittelstands im Vergleich mit anderen Regionen?
Dr. Heike Hundertmark:
Ja, der Mittelstand in unserer Region ist im Vergleich zu vielen anderen Regionen tatsächlich nachhaltiger unterwegs. Viele Unternehmerinnen und Unternehmer haben verstanden, dass Nachhaltigkeit kein Selbstläufer ist, sondern ein langfristiger Prozess. Aber einer, der nicht nur den Klimawandel verlangsamt, sondern auch die Profitabilität steigert.
Eine integrierte Nachhaltigkeitsstrategie, unabhängig von regulatorischen Themen wie der Omnibus Verordnung, kombiniert mit einer konsequenten Digitalisierung macht Unternehmen profitabler, effizienter und transparenter. Wichtig ist dabei auch, die Mitarbeitenden in diesen Wandel einzubeziehen, und genau das sehe ich bei vielen hier ansässigen mittelständischen Unternehmen.
Natürlich weiß ich aus meiner eigenen Erfahrung in der Automobilzulieferindustrie, dass manche Unternehmen zu lange gezögert haben. Aber auch für sie gibt es noch Chancen, sich neu aufzustellen: durch Innovation, eine starke Unternehmenskultur und vor allem den Mut zur Veränderung.
Der Südwesten gilt wirtschaftlich als stark, gesellschaftlich aber oft eher traditionell-konservativ. Erleben Unternehmerinnen hier immer noch die gläserne Decke, und wenn ja, wie könnten Frauen in Führungspositionen diese durchbrechen?
Dr. Heike Hundertmark:
Der Mittelstand ist generell traditionell und konservativ, zugleich aber auch innovations- und risikofreudig – und genau das macht seinen Erfolg in Deutschland aus. Herausfordernd wird es, wenn gesellschaftliche Modelle nicht mitwachsen, etwa beim Thema weibliche Unternehmensnachfolge.
Ich selbst stamme aus einem 190 Jahre alten Familienunternehmen mit über 500 Mitarbeitenden. Die Nachfolge hat mein Bruder angetreten. Bei mir war es der Spagat zwischen Kindern und Geschäftsführung, der damals nicht gut gelöst war. Diese Erfahrung zeigt mir: Viele Familienunternehmen könnten sicherlich noch stärker davon profitieren, wenn sie gemischtere Führungsmodelle ermöglichen. Das erfordert auch, neue Arbeitszeitmodelle zu entwickeln und Präsenz im Unternehmen anders zu denken. Davon profitiert aus meiner Sicht die ganze Volkswirtschaft.
Genau hier setzt der VdU seit über 70 Jahren an: Unser Ziel ist es, mehr Frauen in Führung zu bringen, mehr weiblichen Einfluss in Wirtschaft und Politik zu ermöglichen und damit auch den Mittelstand insgesamt widerstandsfähiger, agiler und zukunftsfähiger zu machen. Denn Vielfalt in der Führung istheutzutage kein nice-to-have, sondern eine Notwendigkeit in unserer heutigen VUCA-Welt.
„Der Mittelstand ist dann zukunftsfähig, wenn …“ – Wie würden Sie diesen Satz beenden?
Dr. Heike Hundertmark:
… er die Transformation selbst aktiv gestaltet. Und die Politik die passenden Rahmen setzt.
Und zum Abschluss: Worauf freuen Sie sich besonders beim Freiburger Mittelstandskongress am 15. Oktober 2025?
Dr. Heike Hundertmark:
Ich freue mich auf spannende Impulse, neue Kontakte und darauf, gemeinsam eine Bewegung zu entfachen, die uns mit Schwung und Zuversicht in die Zukunft trägt.


